{"id":110,"date":"2020-09-22T19:44:32","date_gmt":"2020-09-22T19:44:32","guid":{"rendered":"https:\/\/sports-montfort.com\/?p=110"},"modified":"2021-08-23T01:01:36","modified_gmt":"2021-08-23T01:01:36","slug":"1371-meter-fur-die-ewigkeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/1371-meter-fur-die-ewigkeit\/","title":{"rendered":"13,71 Meter f\u00fcr die Ewigkeit"},"content":{"rendered":"\n<p><em>James Brendan Connolly: der erste Olympiasieger der Neuzeit<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Panathinaiko-Stadion, Athen, Griechenland. 6. April 1896. Ein wolkiger, k\u00fchler Fr\u00fchlingstag.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>James Brendan Connolly bereitet sich auf seinen Wettbewerb vor \u2013 den Dreisprung, die erste Finalentscheidung der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit. Der 27-j\u00e4hrige US-Amerikaner ist 1,74 Meter gro\u00df. Er kommt aus Boston, Massachusetts, wo er als eines von zw\u00f6lf Kindern einer armen, irischen Einwandererfamilie aufgewachsen ist.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Connolly musste viele Widerst\u00e4nde \u00fcberwinden um hier zu sein. Aus f\u00fcnf L\u00e4ndern kommen die insgesamt sieben Konkurrenten, die den Sieg unter sich ausmachen wollen. Jeder hat drei Versuche. Wobei bis zum Schluss keiner wei\u00df, wie er selbst und die anderen abgeschnitten haben \u2013 die Regeln der Zeit. Der Offizielle, ein gewisser Charles Perry vom <em>London Athletic Club<\/em>, ebnet die Sandgrube nach jedem Sprung. Doch Connolly ist nicht auf den Mund gefallen: \u201eIhr m\u00fcsst einem Kerl doch sagen, wie weit er gesprungen ist\u201c, sagt er nach seinem zweiten Versuch zu Perry. \u201eWas dich angeht, du kannst zur\u00fcck in die Kabine und unter die Dusche. Du hast diesen Event in der Tasche\u201c, mutma\u00dft der Offizielle.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Perry sollte recht behalten: mit 13,71 Metern sprang Connolly mehr als einen Meter weiter als der zweitplatzierte Franzose Tuff\u00e8ri. Die US-Flagge wird hochgezogen, die Hymne, das <em>Star-Spangled Banner<\/em>, ert\u00f6nt. \u201eDu bist der erste Olympiasieger seit 1500 Jahren\u201c, sagt sich Connolly. F\u00fcr den Sieg gab es 1896 \u00fcbrigens noch keine Goldmedaille (die gibt es erst seit 1908), sondern Silber; der Zweite bekam Bronze, der Dritte gar keine Medaille. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Sportler und Student<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Wie gesagt, Connolly musste viele Widerst\u00e4nde \u00fcberwinden \u2013 nachdem er die Schule abgebrochen hatte, arbeitete er zun\u00e4chst als Angestellter einer Versicherung und dann als Soldat bei der Armee. Daneben bereitete er sich im Selbststudium auf die Uni-Aufnahmepr\u00fcfung vor \u2013 im Oktober 1895, also ein halbes Jahr vor Athen, wurde er in Harvard aufgenommen, wo er Ingenieurwissenschaften studierte. Sportlich aktiv war er schon seit seiner Kindheit in Boston, wo er mit den Nachbarbuben im Park um die Wette lief und sprang. Sp\u00e4ter spielte er auch noch American Football und radelte in einem Klub \u2013 das Radfahren war Ende des 19. Jahrhunderts, also noch vor der Ankunft des Automobils, eine der popul\u00e4rsten Sportarten.&nbsp;&nbsp;&nbsp; &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Vielleicht spielte sein Interesse f\u00fcr die griechisch-r\u00f6mische Antike neben seiner Sportleidenschaft auch eine Rolle \u2013 jedenfalls entschied sich Connolly an den Olympischen Spielen in Athen teilzunehmen. Er suchte daher um Beurlaubung vom Studium an, die Harvard verwehrte. So blieb ihm nichts anderes \u00fcbrig als Harvard \u201cGoodbye\u201d zu sagen \u2013 Connolly brach sein Studium ab und machte sich als Mitglied des 14-k\u00f6pfigen US-Olympiateams auf nach Griechenland. Wer f\u00fcr Connolly\u2019s Reise bezahlt hat, ist unklar \u2013 je nach Quelle entweder er selbst oder sein Verein, der <em>Suffolk Athletic Club<\/em>. \u00a0<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Anreise mit Hindernissen<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Zusammen mit dem Gro\u00dfteil der anderen US-Olympiateilnehmer ging es mit dem deutschen Ozeandampfer \u201cBarbarossa\u201d in Richtung Neapel. Dort war zwei Tage Zwischenstopp, bis dass es mit dem Zug nach Brindisi weitergehen sollte. Connolly musste \u00fcbrigens all seine athletischen F\u00e4higkeiten aufbringen um den Zug noch zu erreichen, doch immer sch\u00f6n der Reihe nach \u2013 nachdem seine am Vortag gestohlene Geldb\u00f6rse am Tag der Abreise nach Brindisi bei der Polizei gelandet war, wollte diese, dass Connolly den Diebstahl zu Protokoll gibt, schlie\u00dflich m\u00fcsse der Dieb angeklagt werden.<\/p>\n\n\n\n<p>Connolly\u2019s Hinweise auf den bald, um acht Uhr fr\u00fch, nach Brindisi abfahrenden Zug, stie\u00dfen bei den pflichtbewussten Beamten auf taube Ohren. Zuerst m\u00fcsse das Protokoll aufgenommen werden, hie\u00df es, wie sich Connolly in seiner Autobiographie \u201eSea Borne: Thirty Years Avoyaging&#8221; lebhaft erinnert. Irgendwann wurde es ihm zu bunt, er rannte davon; in Richtung Zug nach Brindisi. \u201eBrin-dee-see! Brin-dee-see! Otto! Otto!\u201c, schrie er um sich, w\u00e4hrend er verzweifelt versuchte den richtigen Bahnsteig zu finden. \u201eBrindisi! Si! Si!\u201c, zeigte ihm ein Eisenbahnmitarbeiter den Weg.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Zug war bereits im Rollen, jetzt musste es schnell gehen. Mit einem beherzten Sprung schaffte es Connolly noch an Bord, drei seiner Kollegen hielten ihn fest und zogen ihn rein. \u201eIch wusste es damals nicht, aber wenn ich diesen Zug verpasst h\u00e4tte, w\u00e4re ich nicht zeitgerecht zu meinem Event nach Athen gekommen\u201c, reflektierte er sp\u00e4ter.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Von Brindisi ging es per F\u00e4hre und dann nochmal per Zug weiter nach Athen, wo das US-Team nach 16 Tagen Reise ankam. Dort gab es die n\u00e4chste \u00dcberraschung: die US-Mannschaft hatte angenommen, dass die Olympischen Spiele erst in zw\u00f6lf Tagen beginnen w\u00fcrden, man also noch Zeit h\u00e4tte um sich in aller Ruhe vorzubereiten. Dem war nicht so, denn es gab ein Missverst\u00e4ndnis bez\u00fcglich des Datums \u2013 damals war in Griechenland noch ein anderes Kalendersystem, der julianische Kalender, gebr\u00e4uchlich, und irgendwo, irgendwie, irgendwer hatte die Daten durcheinandergebracht. <em>Lost in Translation<\/em>, sozusagen.\u00a0<\/p>\n\n\n\n<p>Zum Gl\u00fcck erkannte jemand aus dem US-Team beim ersten Fr\u00fchst\u00fcck in Athen, dass die Spiele schon an jenem Tag er\u00f6ffnet w\u00fcrde. Gleichzeitig standen auch schon die ersten Wettbewerbe auf dem Programm \u2013 unter anderem auch die erste Finalentscheidung, jene im Dreisprung.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Heimreise<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Connolly holte sich nach seinem Dreisprungsieg auch noch den zweiten Platz im Hochsprung, und den dritten Rang im Weitsprung. Die US-Boys r\u00e4umten insgesamt gro\u00df ab und gewannen neun der zw\u00f6lf Leichtathletikwettbewerbe in Athen, alles zusammen 15 Medaillen. Den Olympioniken wurde nach ihrer R\u00fcckkehr in die Staaten ein geb\u00fchrender Empfang gemacht. Connolly war \u00fcbrigens nicht dabei \u2013 er war auf der R\u00fcckreise zun\u00e4chst in Frankreich h\u00e4ngengeblieben. \u201eIch hatte zu viel \u00fcber Paris gelesen, um es in Eile zu verlassen, jetzt wo ich schon mal da war. Und man konnte damals g\u00fcnstig in Paris leben\u201c, schrieb er sp\u00e4ter. Nach vier Wochen an der Seine blieb er auch noch zwei Wochen in London, ehe er in die USA zur\u00fcckkehrte. Dort \u00fcberreichte ihm die B\u00fcrgerschaft von South Boston eine goldene Uhr.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eEs war ein tolles Gef\u00fchl, gesagt zu bekommen, \u201eJunge, dass hast du gut gemacht!\u201c \u201c, erinnerte sich Connolly. \u201eAber ich hatte auch das College abgebrochen und mein Geld ausgegeben. Ich bereute weder den Studienabbruch noch das ausgegebene Geld, aber jetzt musste ich wieder meinen Lebensunterhalt bestreiten.\u201c&nbsp; &nbsp;&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Leben nach Athen<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Connolly\u2019s Leben war auch danach abenteuerlich. Zun\u00e4chst trat er vier Jahre sp\u00e4ter, bei den Olympischen Spielen in Paris, wieder im Dreisprung an \u2013 im reifen Sportleralter von 31 Jahren holte er hinter seinem Landsmann Myer Prinstein den zweiten Platz.<\/p>\n\n\n\n<p>1904, bei den Spielen in St. Louis, war Connolly wieder mit dabei \u2013 allerdings nicht mehr als Athlet, sondern als Journalist. Zu dem Zeitpunkt hatte er sein schriftstellerisches Talent schon erkannt \u2013 nachdem er als Soldat im Spanisch-Amerikanischen Krieg von 1898 teilgenommen hatte, ver\u00f6ffentlichte er seine Fronterfahrungen im <em>Boston Globe<\/em>.<\/p>\n\n\n\n<p>Danach schrieb er vor allem Geschichten, die auf hoher See spielten, wobei ihm seine jahrelange Erfahrung auf Booten aller Art \u2013 von Fischkuttern bis zu Milit\u00e4rschiffen, und nicht zuletzt wohl auch jene von der \u00dcberfahrt 1896 nach Athen &#8211; zugute kam.&nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Als James Connolly 1957 im Alter von 88 Jahren starb, hinterlie\u00df er mit 25 Romanen und \u00fcber 200 Kurzgeschichten ein umfangreiches literarisches Werk. &nbsp;<\/p>\n\n\n\n<p>Mehr als 120 Jahre nachdem Connolly in Athen gewann, sind die Fotos jener Zeit schon lange vergilbt. In seiner Heimatstadt, genauer gesagt im Joe Moakley Park im Stadtteil South Boston, erinnert eine Statue an ihn \u2013 genau 13,71 Meter nach dem Absprung landet der nachgebildete Athlet. Er ist weit gekommen, dieser James Brendan Connolly, der erste Olympiasieger der Neuzeit.&nbsp; &nbsp;&nbsp;&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>James Brendan Connolly: der erste Olympiasieger der Neuzeit<\/p>\n","protected":false},"author":3,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"nf_dc_page":"","om_disable_all_campaigns":false,"footnotes":""},"categories":[5],"tags":[],"class_list":["post-110","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-sports-stories"],"translation":{"provider":"WPGlobus","version":"3.0.2","language":"de","enabled_languages":["en","de"],"languages":{"en":{"title":true,"content":true,"excerpt":true},"de":{"title":true,"content":true,"excerpt":true}}},"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/users\/3"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/comments?post=110"}],"version-history":[{"count":4,"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":422,"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/posts\/110\/revisions\/422"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/media?parent=110"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/categories?post=110"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/sports-montfort.com\/de\/wp-json\/wp\/v2\/tags?post=110"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}